Brustgeschirr oder Halsband?

Es gibt viele Dinge im Hundewesen, über die mehr oder weniger heftig diskutiert werden. Überraschenderweise gehört die Frage, ob der  Hund besser über ein Brustgeschirr oder ein Halsband geführt werden soll, dazu.


Kontroverse Meinungen

Die Meinungen, ob das altbewährte Halsband – in welcher Form auch immer – oder ein Brustgeschirr besser geeignet ist einen Hund zu führen, gehen ziemlich weit auseinander. Die Befürworter des althergebrachten führen an, dass der Hund nur an einem Halsband gut zu führen und zu kontrollieren sei. Überdies würde er mit einem Brustgeschirr nur unnötig das Ziehen an der Leine lernen. Außerdem – so manche Hardliner - ist das Geschirr nur etwas für „Weicheier“.

Es gibt auch die Argumentation, dass der Hund ja wunderbar und ohne zu ziehen an der Leine läuft. Das freut mich für den Hundehalter, dann hat er beim ersten hinsehen alles richtig gemacht. Aber: nicht nur der Hund muss „leinenführig“ sein, auch seinem Menschen kommt die Aufgabe zu, „ordentlich an der Leine zu gehen“. Das heißt im Klartext: immerwährende  Aufmerksamkeit beim Vierbeiner zu haben und nicht etwa als „Hans-guck-aufs-Handy“ weiter laufen und den Hund hinter sich her zerren, wenn er zum Schnuppern oder sich versäubern stehen bleiben möchte. Oder gedankenverloren mit der Leine spielen. Dazu im weiteren Verlauf des Artikels mehr...

Das Geschirr sei für ihre Hunde und dessen Hals gesünder, halten die Befürworter  eben der Geschirre dagegen. Auch – oder gerade wenn - der Hund ziehe.
Das sieht im Moment noch ziemlich mager für die Brustgeschirrfreunde aus, darum möchte ich es hier aus allen Perspektiven beleuchten:

 

Fallbeispiel „Lion“ (Name geändert)

Als Lion mir vorgestellt wurde – unter anderem, weil er an der Leine zog -, trug er einen Kettenwürger auf Zug. Auf meine Frage warum erhielt ich die Standartantwort: „Damit er nicht so zieht“. Aha. Lion erhielt von mir ein gut sitzendes Geschirr und - oh Wunder – er lief wie ein Lämmchen neben seinem Frauchen her. Ohne zu zerren oder zu ziehen, egal in welcher Situation...
Ich würde sagen, dieser Punkt geht an die Brustgeschirrfreunde.

Ob ein Hund an der Leine zieht oder wie er kontrolliert werden kann, hängt in erster Linie damit zusammen, wie konsequent das Leinelaufen trainiert wurde bzw. wie gut oder weniger gut der Hund erzogen ist. Und nicht damit, ob er ein Geschirr oder ein Halsband trägt. Das Halsband kann aber je nach Situation unter Umständen sehr  kontraproduktiv sein. Doch dazu später mehr...
Schauen wir uns weitere Punkte für bzw. gegen Brustgeschirr oder Halsband an:

Ein bisschen Anatomie


Der Hund hat  - wie wir Menschen – 7 Halswirbelkörper, die die bewegliche Verbindung zwischen Kopf und Rumpf bilden. Sie sind eingebettet in zahlreiche Muskeln. Im Halsbereich liegen auch viele wichtige Organe und Strukturen, wie z.B. Schilddrüse, Kehlkopf, Zungenbein, Speiseröhre und nicht zu vergessen die Luftröhre, diverse Nervenbahnen und die Blutbahnen.
Bindegewebe und bindegewebsartige Strukturen vernetzen den gesamten Körper.
Das bedeutet, dass alles, was am Hals gewaltsam einwirkt, Auswirkungen bis z.B. in die Hinterläufe oder die Lendenwirbelsäule haben kann.
 

Auswirkungen des Halsbandes

Legt man jetzt alle diese Punkte zugrunde, sollte schnell klar sein, warum es so wichtig ist, seinem Vierbeiner besser ein gut sitzendes Brustgeschirr statt eines Halsbandes – und sei es auch noch so komfortabel – anzuziehen:
Durch die muskulären, bindegewebigen und knorpeligen Verbindungen der einzelnen Regionen im gesamten Körper kommt es bei immerwährendem Druck über das Halsband zu weitreichenden Schäden. Nicht nur die Schilddrüse und der Kehlkopf werden in Mitleidenschaft gezogen. Bedenkt man, dass der gesamte Körper durch diese Strukturen miteinander „vernetzt“ ist, liegt es auf der Hand, dass für plötzlich auftretendes Hinken nicht unbedingt das Toben mit Nachbars Hund oder das Loch im Acker verantwortlich ist. Sondern ein kräftiger Ruck am Halsband, durch den eine Gewebestruktur verletzt wurde. Das kann eine Muskelverletzung sein, eine Nervenquetschung oder gar eine Wirbelkörperrotation ( -verdrehung).
Je nachdem kommt es dadurch zur Fehlbelastung und -haltung der anderen Körperseite, des Rückens und unter Umständen zu Verhaltensänderung. Und keiner kann sich vorstellen, warum...
 

Weitere Schäden:

Durch den ständigen Zug am Hals kann es auch zu Störungen wie Schwindel, Übelkeit, Sehstörungen und sogar Tinnitus kommen. Verminderte Wahrnehmungs- und Konzentrationsfähigkeit sowie Müdigkeit, Nervosität, Augen-, Ohren- und Kopfschmerzen vervollständigen das Bild. Wie oft bleiben diese Symptome unerkannt oder werden falsch interpretiert, nur weil der Mensch sich nicht vorstellen kann, dass auch ein Hund unter Kopfschmerzen oder Tinnitus leiden kann? Und unter all den anderen aufgeführten Krankheitszeichen? Unsere Hunde leiden stumm oder werden vielleicht auch noch für vermeintlichen Ungehorsam gestraft.

Wenn man sich anschaut, wie fein der Raum zwischen den einzelnen Wirbeln ist, sollte man sich vorstellen können, was ein Kettenwürger oder auch schon ein rund genähtes Zughalsband anrichtet: es quetscht das Rückenmark mit den entsprechenden Folgen von Verspannungen bis hin zu  Lahmheiten, die sich keiner erklären kann...
Anders Hallgren, bekannter schwedischer Psychologe und Hundetrainer, führte vor etlichen Jahren eine Studie durch, die sich mit Rückenproblemen beim Hund und ihren Ursachen beschäftigte. Es zeigte sich, dass 91% (!!) der Hunde mit Halswirbelschäden dem Leinenruck ausgesetzt waren. In diesem Zusammenhang kam auch der Gebrauch der Schleppleine zur Sprache. Wie oft sieht man Hunde mit einer 5-10 m langen Leine am Halsband? Im Freilauf oder nicht – eine so lange Leine gehört nicht an das Halsband!
In diesem Zusammenhang noch ein Wort zum Kopfhalfter (Halti): auch hier sieht man oft, dass der Hund nur über das Halfter geführt wird und die Leine nicht „ordnungsgemäß“ am Geschirr und am Halfter eingeklinkt ist. Manchmal ist sogar nur eine Schlepp- oder Flexileine am Halti befestigt und der Hund wird ausschließlich über das Halfter geführt.
Jeder sollte sich ausmalen können, was geschieht, wenn dieser Hund aus vollem Lauf in die Leine rennt...Schwerste Halswirbelsäulenverletzungen bis hin zum Genickbruch können die Folgen sein!
Leider ist das Personal in den Zoofachgeschäften oftmals nicht in der Lage, die ratsuchenden Kunden optimal zu beraten. Und nochmals -  leider sind auch viele Hundetrainer/innen ebenfalls nicht fähig, ihren Kunden den richtigen Umgang mit dem Halti zu zeigen...

 

Die gestörte Kommunikationszentrale

Neben den gesundheitlichen Aspekten gibt es einen weiteren wichtigen Punkt gegen das Halsband: der Hals als Kommunikationszentrum, Empfangsstation für positive und negative Sozialkontakte. Dabei sind die Halsseiten dem Kontakt mit engen Freunden vorbehalten, Nacken und Kehle dienen der Einordnung. Die Signale der Hunde untereinander sind immer klar und deutlich.

Weniger klar und deutlich sind die Signale, die wir beim Laufen über die Leine geben: Wir können die Arme beim Laufen nicht stillhalten, selbst wenn wir das wollten. Sie müssen schwingen, damit wir im Gleichgewicht bleiben. Also bekommt unser Hund, der an lockerer Leine neben uns herläuft, ständig widersprüchliche Informationen. Denn die Leine schwingt, die Bewegung setzt sich über das Halsband fort und erreicht schließlich den Hals unseres Vierbeiners. Es kommt dort durch das ständige Reizen zu Fehlinformationen, die den Hund im besten Fall nur verwirren: „...die wissen auch nicht, was sie wollen...“. Im schlimmsten Fall stumpft er am Hals ab. Und das nicht nur gegen unser „Kommunikationsversuche“, sondern unter Umständen auch gegen die Kommunikation mit seinen Artgenossen.

 

Fehlverknüpfungen

Bei unentspannten Begegnungen mit anderen Hunden/Menschen/Mofas...kommt es nicht selten zu Fehlverknüpfungen beim Hund: er springt in die Leine → schmerzhafter Zug am Hals → Assoziation: das Gegenüber ist Schuld. Bei der nächsten Begegnung dieselbe Erfahrung, danach wird die entsprechenden Reaktion bei erneutem Zusammentreffen nicht auf sich warten lassen...und schon entsteht eine für den Hundehalter nicht nachvollziehbare Leinenaggression.
Gerade die Kleinhunde werden meistens am Halsband nach oben gezogen, so dass sie nur noch mit den Hinterläufen Bodenkontakt haben.

Führt man sich jetzt noch die Anatomie vor Augen, kann man sich sehr leicht vorstellen, zu welchen Schäden der Halsorgane dieses Verhalten schlussendlich führt.
Mal ganz abgesehen davon: entspannte Begegnungen kann man trainieren...

Eine weitere nicht zu unterschätzende Folge ewigen Ruckens und Zerrens am Hals ist ein Meideverhalten seitens der geplagten Hunde: es kann passieren, dass er weder Artgenossen noch (s)einen Menschen weiterhin an seinen Hals lässt. Damit geht ihm ein wichtiges Kommunikationsinstrument verloren...

Legt man die aufgeführten Punkte zugrunde, wird sehr deutlich, warum das Geschirr aus physiotherapeutischer und verhaltenspsychologischer Sicht klar die erste Wahl sein sollte.
Ein gut angepasstes Brustgeschirr kann Ihren Hund vor den o.g. Verletzungen und Traumata schützen. Ähnlich wie der Sicherheitsgurt im Auto die Insassen schützt. Und der liegt ja auch nicht um den Hals...

 

Weitere Punkte sprechen für das Brustgeschirr

Der Hund kann aus Gefahrensituationen sehr viel besser „gerettet“ werden. Denken Sie nur daran, dass er schwimmen geht und nicht mehr aus eigener Kraft aus dem Wasser kommt. Dann kann er am Rückensteg problemlos ins Trockene gehievt werden.
Verheddert sich der Hund z.B. in einem Busch, wird ihm nicht die Luft abgeschnürt. Im schlimmsten Fall kann er das Geschirr durchbeißen. Mit dem Halsband hat er schlechte Karten...

Unsicheren Hunden kann es insofern eine Hilfe sein, dass sie sich sicherer fühlen, als wenn sie nur im Halsband hängen.
Gerade ältere Hunde, die schon etwas „wacklig auf den Beinen“ sind, kann man mit dem Geschirr – oft mit einem Spezialgeschirr – sehr gut Hilfestellung geben, wenn es notwendig wird.

 


Darauf sollten Sie beim Kauf eines Geschirrs achten:

  • Das Brustgeschirr muss richtig angepasst sein. Es darf weder verrutschen noch einengen. Das Material sollte weich und anschmiegsam sein, die Bänder nicht zu schmal, damit sie nicht einschneiden.
  • Die Schnallen sollten stabil sein und so abgerundet, dass sie der Körperform nicht entgegenstehen
  • Die Schulterblätter sollten nicht in ihrer Bewegung eingeschränkt werden
  • Zwischen Bauch- oder Brustgurt und den Ellenbogen muss genügend Platz sein, sonst besteht die Gefahr, dass die empfindliche Haut der Achselhöhle wund gescheuert wird
  • Als Faustregel gilt: rundum sollte man mit der Hand gut unter das Geschirr gleiten können. Zwischen den Ellenbogen und dem Brust- oder Bauchgurt sollte bei großen Hunde eine Handbreite und bei kleinen Hunden zwei Fingerbreiten Platz sein
  • Der Rückensteg muss solide und fest vernäht sein (denken Sie an den Hund, den Sie eventl. aus  dem Wasser ziehen müssen). Idealerweise hat er zwei stabile Metallringe zum einklinken der Leine: einen ziemlich weit vorne und einen etwas weiter hinten. Zum Führen eignet sich der vordere Ring besser.
  • Achtung: viele handelsübliche Brustgeschirre haben nur einen Ring ziemlich weit hinten im Rückenbereich zum einklinken der Leine. Damit ist keine Kontrolle des Hundes möglich – somit hätten die recht, die das Geschirr ablehnen....


Fazit:

Erfreulicherweise sieht man schon viele Hunde, die über das Brustgeschirr geführt werden. Sie als verantwortungsvoller Hundefreund sind da doch sicher keine Ausnahme.
 

Copyright:

Alle Rechte liegen bei Petra Thoma/active-mantrailing. Die Vervielfältigung und Weitergabe dieses Textes ist nur in ungekürzter Form und unter Nennung der Quelle gestattet.

active-mantrailing
79576 Weil am Rhein
H.-Zapfweg 15
Website: www.active-mantrailing.de

Anrufen - mitmachen - begeistert sein: Telefon +49 176 614 593 74

Active Mantrailing
H.-Zapfweg 15
79576 Weil am Rhein
E-Mail: info(@)active-mantrailing.de

(c) Texte: P.Thoma

(c) Bilder: P.Thoma

Active Mantrailing | H.-Zapfweg 15 | 79576 Weil am Rhein | Telefon +49 176 614 593 74  | www.active-mantrailing.de | E-Mail: info@active-mantrailing.de

Um die Webseite optimal gestalten und fortlaufend verbessern zu können, verwenden wir Cookies.
Durch die weitere Nutzung der Webseite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Weitere Infos.

Einverstanden